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Aktuell – Bericht aus Suriname

Januar/Februar 2008 war Brigitte Küchler in Suriname und konnte so an der ersten Informations-Versammlung teilnehmen, an der über das Urteil von Costa Rica berichtet wurde.

>>> was bisher geschah ...

Die Boote in Atjoni warten auf Passagiere ...
Bericht vom Upper Suriname River

«Soo, tidé – feéda, elùfu mei – mi ko baka di Costa Rica ...» (Freitag, 11. Mai 2007, soeben zurückgekehrt aus Costa Rica, möchte ich Bericht erstatten ...) So beginnt die Rede – in Saramaccans – die aus dem Lautsprecher des Radios klingt. Hugo Jabini informiert die Bevölkerung am oberen Suriname River über die 2 Tage der Anhörung, mit Zeugen und Experten, in Costa Rica vor dem Inter-Amerikanischen Gerichtshof.

Alle Plädoyers sind gehalten, alle Fakten wurden vorgetragen, über den rücksichtslosen Umgang von chinesischen Holzschlagfirmen berichtet, dass dabei ein Gemüsegarten einer Frau zerstört wurde - und somit die Grundlage ihrer Existenz und die der gesamten Sippe.

Im November, 6 Monate später, hat der Inter-Amerikanische Gerichtshof das Urteil veröffentlicht.

Die wichtigsten Punkte des Urteils sind: Der Landtitel wird dem Saramaaca-Volk zugesprochen, der Staat muss diese legal verankern, der Staat darf nur mit Einverständnis der Saramaccaner Gebrauch machen von den Ressourcen und nur unter Einhaltung der gerichtlichen Bestimmungen, also keine Verschmutzungen und Zerstörungen zufügen. Falls der Staat unter Einvernahme mit dem Saramacca-Volk von den Ressourcen Gebrauch macht, muss ein Teil des Gewinns in gerechten Teilen dem Saramacca-Volk zugute kommen... Der Staat muss eine Entschädigungszahlung in
6-stelliger Höhe vornehmen, in einer Frist von 3 Jahren... Das Urteil ist zwingend und kann nicht angefochten werden.

Das Urteil ist ein grosser Erfolg für die Marron-Gemeinschaft und eine Grundlage für eine nachhaltige Entwicklung der Region, in gesellschaftlicher, politischer und ökologischer Hinsicht. Ohne dieses wäre eine dauerhafte Entwicklung nicht möglich.

Am 30. Januar hatte ich die Möglichkeit, dabei zu sein als de ersten Kruutus (Besprechungen) mit den Dorfkapitäns abgehalten wurden, zur Information über das Urteil von Costa Rica und über erste Bemühungen für eine Neu-Strukturierung und Organisation einer Regierungsform. Bis jetzt haben alle Verhandlungen, Beschlüsse und Übereinkünfte auf traditionelle Weise stattgefunden, das heisst mündlich, ohne Aufzeichnungen jeder Art. Um international agieren zu können, muss diese Form erweitert werden in eine regionale Regierungsform, die den internationalen Standards Genüge leistet. Um Informationsaustausch mit dem Staat und internationalen Organisationen zu ermöglichen muss ein Sekretariat Rapporte und Berichte sammeln, ein Archiv soll angelegt werden, um auf die abgesprochenen Beschlüsse zugreifen zu können.

 

Der Ort, an dem die Verhandlung stattfinden soll ist Asidonhopo, ungefähr 50 km flussaufwärts, da wo sich der Suriname River in den Pikin Lio und den Gaan Lio teilt. In diesem Dorf wohnt der höchste Kapitän der Region, der Gaanma Belfon Aboikoni.

 

Aber zuerst heisst es, die Dorfkapitäns und die ihnen unterstellten Basjas über die bevorstehende Versammlung zu informieren. Von jedem Dorf sollen mindestens 3 Personen teilnehmen. Die Zeit drängt, bleiben doch nur noch wenige Tage und die Kommunikation zwischen den Dörfern ist schwierig auf die Schnelle. Zwar überragen seit November 07 in regelmässigen Abständen riesige Mobilfunkantennen die Urwaldriesen, aber eine Telefonnummernliste gibt es noch nicht. Eine schnelle Möglichkeit ist die Radiostation in Gunsi, Radio Muiee. Von dort wird an 2 Abenden eine Informations-Sendung mit Aufruf an die Dorfkapitäns ausgestrahlt. Zudem muss das Benzin für die Boote organisiert werden, das heisst, es sind bereits 2 Fässer in der Stadt organisiert worden, aber die Lieferung hat sich verspätet.

 

Eine Vorbesprechung findet am 2. Februar in Gunsi statt. Etwa 16 Teilnehmer sind anwesend, darunter einige Dorfkapitäns, einige Basias und Marita, die Protokollführerin, die simultan zur gehörten Sprache in Saramaccans holländische Notizen in ihr Buch schreibt. Diese werden von Mano, dem Assistenten und politischen Berater von Hugo, zusammengefasst.

Es wurden verschiedene Punkte angesprochen: die Hauptaussage des Urteils von Costa Rica und was es für die Einwohner bedeutet, nämlich, dass der Landtitel nun auf die ganze Bevölkerung der Saramaccaner lautet, also auf jedes einzelne Mitglieder der Gemeinschaft, dass niemand von aussen, sei es ein Vertreter einer Holzschlagfirma, Goldgräbergemeinschaft oder wer auch immer, berechtigt ist, irgendetwas zu bestimmen, was die Gemeinschaft der Saramaccaner nicht will. Dass sie alle nun ein wirksames Mittel in der Hand haben, um Fremdeinwirkungen zuvorzukommen. Ein weiterer Punkt waren die Hilfs-Versprechungen für den Wiederaufbau nach den Überschwemmungen im Mai 2006, als 40% der Dörfer unter Wasser standen. Es wurde wohl sehr viel Geld gesammelt, hauptsächlich in Holland, aber noch nichts ist bis in die Dörfer gekommen. Der grösste Teil an bereits wieder aufgebauten Häusern wurde aus eigenen Mitteln bezahlt. Wie also soll man vorgehen, was ist zu tun. Und natürlich wurden alle Teilnehmer aufgefordert, den Termin vom 5. Februar weiterzuleiten.

 

Am Montag 4. Februar steige ich mit 9 weiteren Passagieren in New Aurora in eines der grössten Langboote auf dem Fluss. Ein fröhliches «Babbelen» (Plappern) begleitet uns, viele haben von ihren Frauen ein Lunchpaket mit auf den Weg erhalten, meines habe ich von meiner netten Gastgeberin Selma, gebackene Bananen, Kassava und Reis. die Dorfkapitäns reisen in ihrer traditionellen Tracht, dem farbenfrohen, bestickten Schultertuch, ihrem Stock und vielfach mit ihren geschnitzten Schemeln. Kaum haben wir abgelegt, überholt uns ein noch grösseres Boot, voll mit Saramaccaner Würdenträger und wehender Suriname-Fahne. die Fahrt flussaufwärts ist lang und immer wieder wird gestoppt um jemanden aus- oder einsteigen zu lassen. Jeder kleinste freie Platz wird so noch genutzt. Plötzlich beginnt es zu regnen, zuerst ein prickelndes Stechen der Regentöpfchen im Gesicht, dann ein richtiger Regenschauer, der alle Bootsinsassen unter ihren Regenschutz zwingt. Man hat ja nur die eine Hälfte des Regenwaldes gesehen, wenn man nur den Wald gesehen hat, sagte uns einst ein befreundeter Botaniker – wie wahr.

Im Rauschen der Bugwelle, sanft schaukelnd und man über den Stromschnellen mit heulendem Motor gelangen wir immer tiefer in den Dschungel. Langsam bricht die Dämmerung herein. Bis wir in die Nähe von Asidonhopo kommen ist es bereits stockfinstere Nacht, es regnet noch immer und die letzte Stromschnelle ist unter diesen Umständen nicht zu schaffen. So steigen wir alle an Land und marschieren im Gänsemarsch mit Taschenlampen, an die Fersen des Vordermannes geheftet, noch den letzten Kilometer bis Asidonhopo.

Es hat nicht ganz geklappt mit den je 3 Personen aus jedem Dorf. Ich schätze es waren etwa 70 Leute anwesend. Alle wurden nach eingehender gegenseitiger Begrüssung irgendwo für die Nacht untergebracht. Einige aus unserem Boot zum Beispiel, wurden auf die andere Flussseite gebracht. Wir konnten im unteren Stock des Hauses des Dorfkäptens in einem Hängematten-Massenlager übernachten. Ich träumte diese Nacht von schnarchenden Nilpferden.

 

Im Verlauf des Morgens werden wir abgeholt und ans andere Ufer gebracht. Schulkinder in ihren karierten Schuluniformen, mit Blumen geschmückt versammeln sich vor dem Haus des höchsten Würdenträgers. Belfon Aboikoni hat Geburtstag, er ist heute 70. Stolz hört er der Kinderschar zu, die ihm zu Ehren einige Liedern vorsingen.

Wir wandern durch das Dorf auf einen kleinen Hügel zur Radiostation Tei ve. Wali, Frans und Hugo berichten auch da wieder – live – die wichtigsten Punkte des Urteils, und rufen nochmals die Dorfkapitäns und Basias auf um am Nachmittag an das Kuutu zu kommen.

Die Versammlung findet im grossen Besprechungsraum am Rande des Dorfes statt. Nach und nach kommen die Dorfkapitäns und Basias, sitzen im Kreis auf ihren mitgebrachten Hocker oder auf global verbreitete Monoblocks (die meist als erster Gegenstand der Modernisierung in Erscheinung treten...). Wie bei jeder solchen Zusammenkunft wird zuerst ein besinnliches Wort gesprochen – zum guten Gelingen der Versammlung, um Einigung zu finden und nicht im Streit auseinander zu gehen. Nach einer kurzen Einführungsrede über die wichtigsten Punkte steht einer nach dem andern auf um seine Frage, seine Bedenken und Anmerkungen vorzutragen und jedesmal murmeln alle Beteiligten: «Lanti a de.», das Volk ist einverstanden. Nach ca. 2 Stunden wird die Versammlung unterbrochen um untereinander in kleinen Gruppen das Gehörte zu diskutieren, zu besprechen, Meinungen auszutauschen.

Bei jedem weiteren gemeinsamen Zusammenkommen werden die Erkenntnisse und Bemerkungen wieder in derselben Manier vorgetragen und gut geheissen, bis eine gemeinsame Übereinkunft für jeden Punkt gefunden wurde.

Was mir auffiel ist, dass nie jemand unterbrochen wird, nie ist jemand einem andern ins Wort gefallen. Auch bei zum Teil heftigen Äusserungen bleibt die ganze Gemeinschaft ruhig und aufmerksam. Ein bemerkenswerter Umgang in einer politischen Veranstaltung.

Die Hauptaufgabe der Regierungsbemächtigten besteht nun darin, eine Struktur, eine Form zu schaffen, die es ermöglicht, den eigenständigen Umgang mit aussenstehenden Regierungen, und Organisationen zu pflegen, um für die Belange der Gemeinschaft die bestmögliche Entwicklungsstrategie zu entwickeln. Ein Anfang ist gemacht, nun gilt es, in Etappen, nach und nach den Aufbau zu Organisieren, Zuständigkeiten für die neuen Posten zu bestimmen, Räumlichkeiten zu finden, Mobiliar, Büromaterial, Trainings zu Organisieren.

 

Der nächste grosse Termin ist der 25. April 08, dann wird zusammen mit der Bevölkerung ein grosses Fest gefeiert, zur Feier des Urteils von Costa Rica, zur Feier der erhaltenen Landrechte und zur Feier auf den Anfang einer nachhaltigen Entwicklung in diesem einmaligen Flecken Erde – alle Möglichkeiten stehen offen, um diese in sich geschlossene Region zu einem Musterbeispiel demokratischer Führung und sorgsamer Entwicklung werden zu lassen.

 

Am 6. Februar fliege ich vom Fliegfeld Kajana, in einer scheppernden, mit Motorenteilen, Säcken und allem Möglichen gefüllten Antonov 28 wieder Richtung Hauptstadt, zurück in eine wilde, wuselnde, laute Zivilisation...

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Unterwegs am Ufer ...
Eingang zur Radiostation von «Radio Muje» ...
Die Radiostation ...
Kuutu ins Gunsi ...
Die Protokollführer ...
Der Beginn einer Administration ...
Erklärungen ...
und Überlegungen ...
Vor der Abfahrt ...
Unterwegs Richtung Asidonhopo ...
Die Passagiere ...
Das Hängematten-Massenlager ...
Singen für den Gaanma Belfon Aboikoni ...
Im Radiostudie des Studio «Radio Maife» ...
Eintreffen für das Kuutu ...
Die Versammlung ...
Für die Zukunft aller Saramaccaner ...
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